Sikumoya: Der schwarze Nazi - ein mutmaßlicher Erfahrungsbericht

zelluloid.de :: Oktober 2007 :: Jan Soldat

Im No-Low-Budget Bereich des Independentfilms ist es nicht leicht auf außergewöhnliche Art und Weise auf sich aufmerksam zu machen. Meist gelingt dies nur durch äußerst brutal und explizit dargestellte Splatter- und Goreszenen oder einem hohen filmtechnischen Anspruch. Aber was nutzt es, wenn es gut aussieht, aber nichts erzählt wird?

Umso schöner, dass es endlich einmal ein Film auf Grund seines Inhaltes schafft, die Gemüter in Aufruhr zu versetzen.
Bei "Sikumoya: Der schwarze Nazi" handelt es sich um die siebente Filmproduktion einer unabhängigen Leipziger Filmgruppe. Durch Fassbinders Filme angetan und getrieben zum aktiven Filmemachen gründeten die Brüder Karl-Friedrich und Tilman König 2001 "CinemAbstruso". Mit der Angliederung als Arbeitsgemeinschaft an das Studentenwerk und den StuRa Leipzig war es den beiden möglich geworden ein stetig wachsendes Netzwerk von im Moment 70 Leuten um sich zu sammeln und nötige Gelder zu erlangen, um die eigenen Filmprojekte noch effizienter umsetzen zu können.

Präsentiert als Groteske, handelt "der schwarze Nazi" von dem kurz vor der Einbürgerung stehenden Kongolesen Sikumoya Voigt. Nachdem er von Neonazis zusammengeschlagen wurde und mehrere Wochen im Krankenhaus lag, beschließt er nun selbst einer zu werden. Und was liegt da näher als der Eintritt in die Nationale Partei Ost? Diese Tatsache und auch das darauffolgende Auftreten eines Schwarzen in Bomberjacke, der einen Rumänen auf Grund seiner ausländischen Herkunft niederschlägt, irritiert sehr und macht es einem nicht leicht, allen Filmgeschehnissen aufmerksam zu folgen bzw. diese aufzunehmen und zu durchdenken.

Komisch, dass das Phänomen eines schwarzen Nazis in solchem Maße verunsichert. Da im Zuge der allgegenwärtigen Gleichberechtigung doch jeder unbedenklich zu der Meinung kommen könnte: "Jeder hat ein Recht rechts zu sein, auch Schwarze." Oder etwa nicht?

Der beobachtende, dokumentarisch angelegte Stil des Films zeigt seine Darsteller, ohne deren Tun offensichtlich zu kommentieren. Worin sowohl die größte Stärke, für den ein oder anderen aber sicherlich auch die größte Schwäche liegt. Der Film bietet sehr viele Interpretationsmöglichkeiten und reißt vieles an. Leicht kommt da der Gedanke, der Autor hätte seine Charaktere nicht zu Ende gedacht und vielleicht nur aus Unbeholfenheit schemenhaft umrissen, oder halt eben, um den gerade beschriebenen Interpretationsfreiraum zu schaffen. Die Meinung der Filmemacher schwingt jedoch eindeutig durch gesprochene Dialoge und Handlungen bis zum Zuschauer, insofern sich dieser dafür empfänglich zeigt.

Mit seiner ersten Filmrolle liefert Dr. Kalemba Mukumadi als Sikumoya Voigt eine herausragende Leistung. Seine Überzeugungskraft liegt vor allem darin, dass die Rolle direkt auf ihn zugeschrieben wurde. Somit bewegt sich seine Person sehr nah an der Realität und hält ein extrem hohes Maß an Ehrlichkeit und Authentizität. Außerdem gehört eine Menge Mut dazu sich als rechter Afro zu präsentieren, wobei Mut und Leichtsinn ja oft verwechselt werden. Vielleicht handelt es sich innerhalb der Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus und Ausländerfeindlichkeit, sprich Rassismus, aber auch um eine Selbstverständlichkeit. In seiner Darstellung lässt Kalemba den Nazi als ein extrem zwanghaftes, gehemmtes Wesen dastehen. Durch seine im Film gebrochene Aussprache erweckt es den Anschein, als würde er sich die Worte rausquälen, wenn er auf eine Gruppe Linker zugeht und fragt "Bist du Deutscher? Kann ich deinen Ausweis sehen." An dieser Stelle hat der Film den Höhepunkt seiner Absurdität erreicht.

Als Kongolese den Einzigartigkeitsstatus in einer weißen Gesellschaft innehabend, wird anhand des Sikumoya ein großes Problem menschlicher Gesellschaften wiedergespiegelt. Nämlich die Angst vor dem Neuen, Ungewohnten und andererseits das Bestreben an Anpassung an bestehende Verhältnisse. Als Mitbürger ausländischer Herkunft und anderer Hautfarbe ist man leider zu oft mit Fremdenhass konfrontiert. Was einem als Betroffenen zu großer Verwirrung und dem Hinterfragen vermeintlich gemachter Fehler führen kann. Im Film sieht sich Sikumoya nur durch konsequentes Anpassen in der Lage diesen Missstand zu überwinden. Die vollkommene Deutschwerdung. Ein Extrem der Anpassung, als Ziel die Eingliederung.

Aber genauso auch die Auslebung einer Feindseeligkeit gegen sich selbst.

Trotz der im Film und DVD Klappentext angegebenen psychologischen Begründung einer vorliegenden Persönlichkeitsstörung, Psychose oder Depression, oder auch alles zusammen, weiß man nicht so recht, was nun wirklich Grund seines Sinneswandels ist. Findet tatsächlich eine Art Rollentausch zwischen Opfer und Täter statt, ähnlich der Täteridentifikation des Opfers im Stockholmsyndrom, Sikumoya handelt also aus Überzeugung, oder doch insgeheim ein Rachefeldzug? Hier darf jeder selbst entscheiden.

Die Gruppe Neonazis als arbeitslose, im Hinterhof alter Fabriken herumlungernde, biertrinkende Bande zeigend, bedient sich der Film einigen Klischees. So auch der Männlichkeitsritus innerhalb dieser Gruppe, das gegenseitige Sich-Beweisen. Wobei hier interessant zu beobachten ist, was die Neonazi-Gruppe da tatsächlich zusammenhält. Denn nicht allein das Gruppengefühl, das Dazugehören, sondern vor allem der verlorene Menschlichkeitsfaktor spielen eine große Rolle. Wer ist mein Gegenüber, was macht ihn überhaupt aus, oder ist der einzige Grund der zwischenmenschlichen Beziehung das gemeinsame Auslöschen Anderer?

Indem die innerhalb der Nazihierarchie an den Kinderwagen befohlene Frau liebevoll "Pussy" genannt wird, kokettiert der Film genauso unverblümt mit Frauenfeindlichkeiten. Auch die weiße Frau, die dem überpotenten Schwarzen, bereit zur oralen Unterwerfung, zu Füßen liegt, verkörpert eine dieser, sich vielleicht ja wirklich extrem nah an der Wahrheit bewegenden, Vorurteile. Vorurteile und Klischees, die in unserer Gesellschaft Bestand haben.

Zuweilen verleitet der Film auch zu lautem Gelächter und verstecktem Geschmunzel. Aber darf man denn lachen, wenn da ein Schwarzer in gebrochenem Deutsch fragt "was bist du? eine lesbisch?" ? Lacht man dann tatsächlich über sprachliche Unbeholfenheit, weil Versprecher doch immer so lustig sind? Ist es das Lachen, was die Unerträglichkeit bestimmter Ereignisse und das Nicht-Damit-Umgehen-Können zu verstecken versucht? Oder sind es doch die eigenen Vorurteile, die einen anscheinend Benachteiligten verlachen lassen?

Nur eine Szene von vielen, in welcher der Zuschauer damit konfrontiert wird, zu beleuchten, warum er gerade so reagiert und wo sich sein eigentlicher Standpunkt befindet. Nach einmaligem Schauen kann der Film auf Grund seiner scheinbar unfreiwilligen Komik sogar trashig wirken. Jedoch im Vergleich zu Trashperlen des Naziploitationkinos der 1970er Jahre à la "Salon Kitty" oder "Ilsa - She Wolf of the SS" zeigt sich der Black Nazi im Umgang mit der Symbolik des Nationalsozialismus und dem Führerkult keinesfalls ausbeuterisch, sondern durchaus ernsthaft.

Wichtig ist vor allem, dass über Themen wie Rechtsextremismus und Rassismus gesprochen wird, dass Meinungen gesagt werden und dass man sich Fragen wie zum Beispiel "Was heißt es Deutscher zu sein? Und was ist überhaupt deutsch?" widmet. Man sollte versuchen, sich dem Gesagtem anzunehmen und Stellung zu beziehen, und das mit und von allen Seiten. Dazu bietet der Film eine hervorragende Grundlage.

Abschließend gibt es nur noch eins zu sagen: "Nennen Sie drei Gründe, weshalb Sie Deutscher werden wollen und genießen Sie den Film."

 

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