Filmrezension "Sikumoya - Der schwarze Nazi"

Blog der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland e.V. :: Januar 2009 :: Tyrone Adams

Der Film beschäftigt sich im Kern mit der Frage: Was bedeutet es, deutsch zu sein. Dabei werden auch die Fragen aufgeworfen, wie man das deutsch sein und seine deutsche Identität beweisen kann, welche kulturellen und anderen Faktoren zum deutsch sein beitragen, wer letztendlich über Staatsangehörigkeit und Kulturangehörigkeit entscheidet, und schließlich auch die Fragen, warum Jugendliche in rechtsradikalen Parteien mitmachen, auf welcher Basis Rassismus begründet wird und wie wir sowohl dem wissenschaftlichen Rassismus als auch dem rechtsradikalen Nachbarn auf der Straße begegnen können. Ganz nebenbei wird auch noch dargestellt, wie die Ausländerfeindlichkeit, oder nennen wir es fehlende Sensibilisierung für andere Kulturen, bei einigen Mitarbeitern verschiedener Behörden das Leben für Ausländer und das Zusammenleben von Ausländern mit Deutschen erschwert. Auch Frauenfeindlichkeit und andere Themen kommen im Film vor. Ja, Sie haben sich nicht verlesen. In diesem 65-minütigen low-budget Film werden nicht nur diese vielen Fragen gestellt, sondern sogar beantwortet. Zugegeben, die Ausführlichkeit der Antworten ist aufgrund der Filmlänge limitiert, dies reduziert jedoch nicht die Tiefe und Gründlichkeit, mit der diese Themen dargestellt werden.

An dieser Stelle würde ich Sie bitten, sich jetzt zuerst den Film anzusehen. Aber ich möchte die Filmkritik an diesem Punkt natürlich noch nicht beenden.

Der Filmtitel könnte darauf hindeuten, dass dieser Film ein Paradox beschreibt. In der Tat ist eine mögliche Interpretation des Titels und des flüchtigen Zuschauers die, dass in diesem Film primär der scheinbar unmögliche Widerspruch eines schwarzen Menschen, der mit einem extremen Akt der Anpassung an die deutsche Leitkultur zum Nazi mutiert, dargestellt wird. Wie oben bereits beschrieben, steckt allerdings sehr viel mehr dahinter. Die Hauptabschnitte des Films lassen sich so zusammenfassen: 1) stilistischer Rahmen, 2) Einbürgerung, 3) Vergangenheitsbewältigung, 4) Eingliederung, 5) Verständnis und Aufarbeitung der Geschichte.

1. Stilistischer Rahmen

Der Film wird gekonnt in einen Rahmen gesetzt, der an die Zeiten des Expressionismus, insbesondere an den Filmklassiker Das Cabinet des Dr. Caligari aus dem Jahr 1920 erinnert. Dieser Rahmen ist ein Treffen von Sikumoyas Therapeuten und einem Polizisten oder Staatsanwalt. Während dieses Treffens wird die Geschichte Sikumoyas in Teilstücken erzählt. Der Anwesenheit eines Psychologen, welcher am Ende des Films aussagt, dass die Anklage des Parteichefs der NPO gegen Sikumoya wegen Totschlags auf der „Fantasie eines psychisch Kranken“ basiert, ist es zu verdanken, dass es auf den ersten Blick so aussieht, als würde Sikumoya selbst psychisch krank sein und darum versucht Mitglied der NPO zu werden. Genau wie bei Caligari ist es auch in diesem Film so, dass der Rahmen dazu auffordert, sich darüber Gedanken zu machen, was eigentlich die Realität, und wo bzw. wer letztendlich psychisch krank ist.

2. Einbürgerung

Der erste Abschnitt des Films befasst sich mit der Frage der Einbürgerung. Sikumoya liest dabei diverse Fragen eines Einbürgerungstests laut vor, fragt im Laufe der Zeit verschiedene deutsche Personen vergeblich nach Antworten, inklusive einer Mitarbeiterin der Sozialbehörde, und muss am Ende feststellen, dass er, als neu-deutscher, viel mehr über deutsche Gedichte, die deutsche Geschichte und deutsche Geographie weiß, als alle anderen Deutschen um ihn herum. Um dies zu unterstreichen und durch den ganzen Film immer wieder in das Bewusstsein der Zuschauer zu bringen, zitiert Sikumoya während des gesamten Films immer wieder zwischendurch verschiedene Teile eines Gedichts von Goethe.

3. Vergangenheitsbewältigung

In diesem Teil des Films konfrontiert Sikumoya Vogt einen jungen rechtsradikalen - Freund der Tochter von Sikumoyas Freundin. Resultat der Konfrontation ist eine schwere Tracht Prügel, nach der Sikumoya für längere Zeit im Krankenhaus liegt. Nach der Heimkehr verschanzt sich Sikumoya in seiner Wohnung, um mehrere Monate lang die deutsche Geschichte, insbesondere den Nationalsozialismus, intensiv zu studieren. Er wird sozusagen ein Experte darin, was es aus der Sicht der Nazis heißt, deutsch zu sein.

4. Eingliederung

An dieser Stelle tritt Sikumoya nun der Gruppe junger rechtsradikaler bei, mit dem Ziel, in die rechtsradikale Nationale Partei des Ostens NPO aufgenommen zu werden. In dieser Zeit fragt er auf der Straße andere Menschen, die nicht auf den ersten Blick „deutsch aussehen“, nach deren Herkunft, ganz so, wie es andere Deutsche tun (Sikumoya ist inzwischen eingebürgert und hat seinen Einbürgerungstest ohne Fehler bestanden). Als er einen Ausländer antrifft, verprügelt er diesen – einfach so – wie es einige Nazis auch tun würden. Am Ende dieses Abschnitts, als Sikumoya mit einem jungen rechtsradikalen in dessen Wohnung sitzt und sich über dessen Beweggründe für Rassismus unterhält, wird deutlich, dass Sikumoya nicht bei den Nazis mitmacht, um sich selbst als Deutscher zu fühlen, sondern um die rechtsradikale Jugend und die Ideologie der Neonazis zu verstehen. Sikumoya ist immer noch dabei, das Deutsch sein zu studieren.

5. Verständnis und Aufarbeitung der Geschichte

Am Ende des Films werden die noch offenen Fragen aufgeklärt. Klar ist, dass weder das Wissen über deutsche Philosophen, noch die Kenntnis der deutschen Nationalhymne und auch nicht die Verinnerlichung deutscher Tugenden für einen schwarzen Menschen in Deutschland ausreichen, um als Deutscher anerkannt zu werden. Es wird deutlich, dass es keine logischen Gründe für Rassismus gibt, dass selbst Neonazis sich dessen bewusst sind, und dass die Jugend nur aus Langeweile und mangels fehlender Alternativen in den sog der Neonazi Bewegung gezogen wird. Als sogar Parteichef Huber zugibt, dass er die Jugendlichen Neonazis nicht als echte Deutsche akzeptiert und diese nach erfolgreicher „deutscher Revolution“ weg sperren würde, ist der Höhepunkt erreicht. Alle deutschen Tugenden, die Parteichef Huber immer fordert, werden offensichtlich von ihm selbst nicht einmal eingehalten. Als logische Strafe wird der Nazichef mit seinen eigenen Waffen geschlagen – er wird von Sikumoya im Küchenherd vergast – allerdings nicht tödlich. Sikumoya ist am Ende froh, all diese Fragen über das Deutsch sein beantwortet bekommen zu haben und fährt, wie Easy Rider, auf einem Motorrad mit seiner weißen deutschen Freundin in die Freiheit.

 

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