Interview mit Cinemabstruso

Unique :: Mai 2007 :: Babette Pohle

Interview zum Glanzlicht-Tipp: Cinemabstruso

„...keine politischen Filme, sondern Filme mit politischem Anspruch..."

Der neue Film "Sikumoya - der schwarze Nazi" von Cinemabstru­so und der Jenaer Filmgruppe KFJ wurde in Sachsen bereits in ver­schiedenen Programmkinos und soziokulturellen Einrichtungen auf­geführt und läuft dieses Jahr beim Berliner Medienfestival. Am 11. Mai soll er in der Jungen Gemeinde Stadtmitte in Jena gezeigt werden. Karl-Friedrich König, einer der bei­den Regisseure von Cinemabstruso, spricht über den Film und die ge­wohnten Weltbilder der Bevölke­rung, die es zu zerstören gilt.

Unique: Wer oder was ist Cine­mabstruso?

Karl-Friedrich.: Wir sind die größte unabhängige Filmgruppe in Leip­zig, mittlerweile sogar auch Uni- Filmgruppe.

U.: Seit wann gibt es euch denn?

K.: Mein Bruder Tilmann und ich dre­hen seit 2001 Filme, wir haben auch die Gruppe gegründet. Film für Film kamen immer mehr Leute dazu, die mitgemacht haben. Einen großen Schub gab es, als wir Uni-Filmgrup­pe wurden, da kamen dann auch Leute von der HGB [Hochschule für Grafik und Buchkunst] und aus der Medienszene in Leipzig dazu. 50 Prozent der Leute, die bei Cine­mabstruso mitarbeiten sind Profes­sionelle, 50 Prozent Autodidakten.

U.: Schreibt ihr die Drehbücher selbst?

K.: Ja. Sie basieren meist auf eige­ner Erfahrung. Wir recherchieren weniger für unsere Filme, sondern verarbeiten eher persönliche Ge­schichten.

U.: Gib doch mal ein Beispiel für so eine persönliche Geschichte, die ihr im Film verarbeitet habt.

K.: Also bei „Sikumoya - der schwar­ze Nazi" kam die Idee daher: Unser Vater leitet die Junge Gemeinde Stadtmitte in Jena. Das ist ein Zen­trum vor allem für Punks, Alterna­tive und Studenten. Dort werden Demonstrationen organisiert, poli­tische Filme gezeigt und Diskussi­onen geführt. Dieses Zentrum wur­de schon etwa zehn Mal von Nazis überfallen, wir haben also persön­liche Erfahrungen mit Rechtsextre­mismus.

U.: Wie werden die Schauspieler auf ihre nicht immer einfachen Rollen vorbereitet?

K.: Da muss man unterscheiden zwischen den Amateuren und den Profischauspielern. Die Profis ha­ben meistens ein vorgefertigtes Rollenkonzept. Oft schreiben wir die Rollen auch extra für die Leute, die wir schon länger kennen und wissen, welche Rolle sie spielen werden. Aber es gibt zum Beispiel auch Proben vor dem Film und An­passungsstrategien zum Beispiel, dass die Schauspieler für ihre Rolle recherchieren sollen.

U.: Wie läuft für die Schauspieler so eine Recherche ab?

K.: Ein Beispiel. Einer, der in "Siku­moya" einen Nazi spielen sollte, bekam von uns den Auftrag, in die Stadt zu gehen und sich Nazis anzu­sehen. Er hat sie etwa eine Woche am Bahnhof beobachtet und konn­te sich danach viel besser in seine Rolle hineinfinden.

U.: In eurem aktuellen Film „Si­kumoya - der schwarze Nazi" geht es um den Kongolesen Si­kumoya Voigt, der selbst zum Nazi wird, nachdem er von ih­nen gedemütigt und verprügelt wurde. Woher kommt die Idee für den Film?

K.: Da gibt es mehrere Gründe. Zum einen sind das die persönlichen Er­fahrungen mit Nazis, noch dazu ist Rechtsextremismus immer ein ak­tuelles Thema.

U.: Was unterscheidet euren Film von vielen anderen, die das glei­che Thema behandeln?

K.: Der Unterschied ist, dass wir kei­ne politischen Filme, sondern Filme mit politischem Anspruch machen wollen. Es geht nicht darum, ein­fach eine politische Botschaft zu vermitteln, sondern auch um den künstlerischen Anspruch unseres Films.

U.: Wie sieht das in der Praxis aus?

K.: Wir stellen das Thema nicht so schwarz-weiß dar, wie es übli­cherweise passiert: Die Nazis sind schlecht, wir sind die Guten. Dabei gibt es nämlich die Gefahr, dass der Zuschauer sich zu schnell von den Nazis distanziert und sie als eine kleine Gruppe „abstempelt", die iso­liert werden muss, sich aber nicht weiter mit dem Thema auseinan­dersetzt.

U.: Meint ihr, dass ihr mit dem Film, bzw. eurer Art, das Thema darzustellen, etwas verändern könnt?

K.: Es geht darum, dass in jedem einzelnen Menschen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit vorhan­den sind. Indem es dem Zuschauer nicht so leicht gemacht wird und wir auch andere Ebenen von Rassis­mus aufzeigen, wird mit gewohnten Bildern gebrochen. Bei uns wird ein Kongolese zum Nazi, und das soll­te die kleinen statischen Weltbilder aufrütteln.

U.: Und das wollt ihr mit nur 80 Minuten Film bewirken können?

K.: Ja, ich denke schon. Der Film lie­fert keine fertigen Antworten, son­dern wirft Fragen auf. Fast immer schließt sich an unsere Filmvorfüh­rungen eine Diskussion an, wo man dann über diese Fragen sprechen kann.

U.: Werden also Leute, die nach Antworten suchen, enttäuscht? K.: Manche Zuschauer sind ent­täuscht, dass der Film zu viele Fra­gen aufwirft, das sind aber nur wenige. Die meisten finden es gut, dass der Film zum Mitdenken an­regt.

 

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