Visionen einer künftigen Gesellschaft

LeipzigAlmanach - Das Online Feuilleton :: 08. Dezember 2010 :: Sarah Schramm

Die Leipziger Filmgruppe Cinemabstruso hat zur fünften „Nacht des radikalen Films“ in den Westflügel geladen

Zu hören sind schwere, schnaufende Atemzüge, zu sehen der kalte Gesichtsausdruck und der nackte Körper einer Frau. In einer einzigen Kameraeistellung ritzt sie sorgsam die unmissverständliche Botschaft „handle with care“ in ihren Oberkörper.

Unter dem Motto von Nora Frohmanns gleichnamigem Film könnte jeder der am Freitagabend im Rahmen der „Nacht des radikalen Films“ vorgeführten Beiträge stehen. Alle 16 Filme sind mit Vorsicht zu genießen, wollen provozieren. So ist der Schauplatz in „Thank You 3. World“ eine Kochshow, was zunächst nicht besorgniserregend ist. Der Koch allerdings bedankt sich mit den Worten „Ein bisschen Schwund gibt es immer – vor allem in der Küche“ bei der dritten Welt dafür, dass sie sich opfert, damit wir im Überfluss leben können. Ein undenkbares Szenario und trotzdem keine Übertreibung. Ähnlich visionär porträtiert Sascha M. Dornhöfer in „Day oft he D.“ eine vielleicht schon bald normale Gesellschaft: monströse, missgebildete Geschöpfe auf dem Weg zu ihrer Pilgerstätte − dem Dönerladen.

Mit Darbietungen dieser Art veranstaltet die unabhängige Leipziger Filmgruppe Cinemabstruso am 3. und 4. Dezember bereits zum fünften Mal eine „Nacht des radikalen Films“. In diesem Jahr gibt es an Tag eins experimentelles, politisches und künstlerisch ambitioniertes Kino aus den Bereichen Fiktion, Dokumentation und Animation zu sehen. In Beiträgen aus Sachsen, Deutschland und der Welt werden Tabu-Themen wie sexueller Missbrauch in der Familie oder die körperliche Liebe von Mensch zu Tier aufgegriffen und auf unterschiedliche Weise filmisch umgesetzt: dokumentarische Handkamera, Überblendungen, Perspektivenreichtum, Animation, hallender Sound. Viel Schnickschnack in einigen Filmen, einfachste Mitteln in anderen: Tagebuchauszüge von KZ-Häftlingen werden in „d wie dora“ zu einem reinen Textfilm verarbeitet.

Der Zuschauer muss sich im Westflügel der Schaubühne Lindenfels auf einiges gefasst machen. Als eine Sequenz eingeblendet wird, in der sich ein Mensch auf einem Hund räkelt, geht ein Raunen durch den von Kälte erfüllten Saal. Jan Soldats „Geliebt“ thematisiert die Liebe zweier Menschen zu ihren Hunden, körperliche Liebe. Der Hund wird zur Ersatzbefriedigung, wenn eine Beziehung zum Menschen unmöglich scheint. Nein, das ist keine Fiktion, sondern die Dokumentation eines realen Falls. Was sich hier aufzeigt, ist sicher nicht nach jedermanns Geschmack und ethisch schon gar nicht vertretbar. Der menschliche Wille, dem das Tier in seiner Ohnmacht unterworfen ist − hoffentlich ein Einzelfall. Muss so etwas auf die Leinwand gebracht werden?

Trotz zahlreicher Erheiterungsversuche von Seiten des Moderators bleibt die Stimmung im alten Gemäuer des Westflügels gedrückt. Klar, Filme dieser Art sollen nicht die Seele streicheln, sondern Beunruhigung und Unbehagen auslösen. Nimmt man den vom lateinischen „radix“ (Wurzel) abgeleiteten Begriff „radikal“ wörtlich, muss es darum gehen, Probleme an der Wurzel zu greifen und umfassend und nachhaltig zu lösen.

Aufgezeigt wurden in allen 16 Filmen Missstände − aber wo ist die Lösung oder zumindest ein Lösungsansatz? Zwischen den Filmen bleibt keine Zeit, die schwere Kost zu verdauen. Nach dem Abspann des einen folgt schon der nächste Beitrag. Schlucken muss man das Servierte ohne es vorher kauen zu können. Schade, denn so geht viel von den tiefgründigen Botschaften der Filme verloren. Trotzdem: Einige brennen sich ein, liegen schwer im Magen und überleben den Abend. Welche das sind? Die Radikalsten.

Und wie wird ein Film dem Namen der Veranstaltung gerecht? Durch ein radikales Thema oder eine radikale Umsetzung? Im Idealfall wird beides verbunden. Bei Dokumentationen wie „Geliebt“ ist das Thema das Ungewöhnliche, von der Normalität abweichende. Erhan Dogans „Madeleine“ schafft die Symbiose: Sexueller Missbrauch in der Familie wird gepaart mit zahlreichen Schnitten, Überblendungen, einer dynamischen Kamera und panisch geflüsterten Worten. Der dreiminütige Kurzfilm brennt sich ein, schockt und ist doch so real. Schade, dass Regisseur Erhan Dogan im Bewertungsgespräch arrogant auftritt, seinen Film als den besten einschätzt und die anderen Filme mit schlechter Begründung abwertet. Als einziger gibt er sich selbst einen Pluspunkt. Film: wow, Regisseur: mau.

Ansonsten geht es bei der Entscheidung über den Siegers des Freitags-Wettbewerbs fair zu. Jeder der anwesenden Regisseure vergibt einen Plus- und einen Minuspunkt für einen besonders radikalen und einen zu sanften Film. Trotz geforderter Objektivität wird man den Eindruck nicht los, dass teilweise Sympathie- oder besser Antipathie-Punkte vergeben werden. Nach einem alles andere als eindeutigen Ranking wird Jan Soldats „Geliebt“ zum Sieger gekürt. Der Regisseur selbst lässt verlauten, dass er sich an diesem Abend härtere Kritik und eine Diskussion im wörtlichen Sinne gewünscht hätte. Nur von wenigen Regisseuren wird über Streicheleinheiten hinaus faire Kritik in einem Argumente-Wettstreit geübt.

Am Ende des Abends sind es Unbehagen und wirre Gedanken, die bleiben. Wird all das Gezeigte bald normal sein? Vielleicht haben ja auch Sie mal eine Hündin zur Schwiegertochter und pilgern zum Dönerladen. Ein grenzwertiger und deprimierender Freitagabend, der die groteske Welt entlarvt.

 

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