Der Traum vom unabhängigen Filmemachen

Kunststoff - Das Kulturmagazin aus Mitteldeutschland :: Juni 2009 :: Dörthe Gromes

Filme zu machen jenseits von Marktzwängen und Produktionsvorgaben ist ein Traum, den viele träumen, aber nur wenige realisieren. Das Leipziger Netzwerk unabhängiger Filmemacher Cinemabstruso hat jetzt seinen achten Film herausgebracht.

Ein Gründerhaus im Leipziger Südwesten, die Fassade wird gerade renoviert, innen versprüht es noch rauen DDR-Charme. Aufgrund der günstigen Mieten haben sich viele Initiativen, Freischaffende und Projektgruppen hier Büroräume zugelegt, auch die Zentrale von Cinemabstruso findet sich hier auf ca. 20 Quadratmetern improvisierten Büroraumes.

2002 fand sich eine kleine Gruppe Filmbegeisterter um die Brüder Tilman und Karl-Friedrich König zusammen, die gemeinsam anfingen, Filme nach eigenen Vorstellungen und Ideen zu realisieren. Der erste Film, der 45-minütige Streifen „Berthold4“, war eine freie Improvisation mit einfachsten Mitteln. Das jüngste Projekt „Hinterhofblues“, gedreht mit einem 40-köpfigen Team innerhalb von zwei Wochen im Sommer 2008 in Leipzig - Lindenau, feierte im Juni dieses Jahres im UT-Connewitz Premiere*. Laut Tilman König sei mit diesem Film „eine spürbare Entwicklung“ gelungen. Erzählt wird die Geschichte dreier Männer, der Volksmund würde sie gescheiterte Existenzen nennen, die in einem Leipziger Hinterhof ihrem Traum vom selbstbestimmten Leben nachjagen und in deren Leben plötzlich die Wirtschaftskrise in Form eines Kredithaies tritt. 16.000 Euro müssen in zwei Wochen aufgetrieben werden oder das Gelände wird geräumt. „Was macht man, wenn man seine Illusionen verliert, wenn die Angst im Leben zu scheitern übermächtig wird?“, so beschreibt König die Grundidee des Films, bei dem er sich zusammen mit seinem Bruder für Regie und Drehbuch verantwortlich zeichnet. Dabei werden auch die eigenen Produktions- und Arbeitsbedingungen im Film reflektiert, fährt König fort, denn ohne das großzügige Engagement vieler Leipziger Einrichtungen unter anderem der Nachbarschaftsgärten Lindenau, des Quartiersmanagements Leipzig West und des Haushalten e.V. hätte man den Film nicht realisieren können.

„Learning by doing“  ist das Motto von Cinemabstruso. Tilman König selbst hat nie eine Filmhochschule besucht, dafür Japanologie und Soziologie an der Universität Leipzig sowie ein Jahr lang Dramaturgie in Tokio studiert. Und hat eben immer „wahnsinnig viele Filme geguckt“. Zu DDR-Zeiten hätten sie in der Familie zwar keinen Fernseher gehabt, erzählt er, seien dafür aber mehrmals die Woche ins Kino gegangen. Die Grundlage für die Filmleidenschaft der Brüder war gelegt. So fallen denn auch große Namen im Gespräch: Fassbinder, Tarkowski, Lars von Trier. Die Vorbilder von Cinemabstruso liegen klar beim klassischen Autorenkino, bei dem die Handschrift eines Regisseurs sichtbar wird, nicht bei den großen Produktionen, wo ein ganzer Apparat die Entscheidungen über die Gestalt des Films trifft.

Möglich wird dies nicht zuletzt durch die zunehmende Digitalisierung der Filmproduktion, was die Kosten enorm senkt und es damit mehr Menschen ermöglicht, unabhängige Filmprojekte zu verwirklichen. Im Moment sei nicht mehr die technische Ausrüstung, von der ein Grundstock vorhanden sei, der primär limitierende Faktor, so König, sondern die Verfügbarkeit von guten Schauspielern, die bereit sind für wenig bis gar kein Geld zu arbeiten und die jedem Teammitglied für ein Non-Profit-Projekt zur Verfügung stehende Zeit. 13 Drehtage stehen durchschnittlich für einen Film zur Verfügung, 25 wären wünschenswert, aber es ist schon so eine enorme koordinative Herausforderung, ein Team von mehreren Dutzend Leuten zwei Wochen lang zum unentgeltlichen Arbeiten zusammen zu bringen. Viele nehmen extra Urlaub dafür.

Die meisten der mittlerweile rund 200 Netzwerker von Cinemabstruso sind Freiberufler aus dem Filmbereich, die es genießen, als Ausgleich zum Brotjob ab und an in freien Projekten mitzuwirken. Leben kann derzeit noch niemand vom unabhängigen Filmemachen. Aber große Ziele benötigen bekanntlich einen langen Atem und so darf man auf den neuen Film des Netzwerkes gespannt sein und den Filmemachern für die Zukunft viel Erfolg wünschen. Denn auch die Filmlandschaft lebt von Vielfalt.

 

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